Im Grunde genommen, sind Platteninfos eine
ziemlich obsolete Sache. Zumindest im Falle von BIG BOY. So obsolet wie
der ganze Rest der in Trümmern liegenden Musikbranche vielleicht. BIG
BOY spielen nach ihren eigenen Regeln; das war schon auf dem
polarisierenden 2007er Debüt so, das hat sich auch mit dem neuen Album
nicht im geringsten geändert. Warum sollte es auch?
Nach dem überbordenden Bombast-Overkill von
„Hail The Big Boy“ folgt nun die Einladung zum Ritt durch die Ruinen.
Durch das, was noch übrig ist. Angesprochen sollten sich hier nicht nur
die Industrie, all die Neider und verkappten Großmäulchen oder
insbesondere auch diverse Berufskollegen fühlen. You know who you are.
Irgendwelche Sympathiewerte waren gestern. Heute ist „Ponygirl“. Mit
allen Konsequenzen für Ross und Reiter.
BIG BOY gehen mit ihrem Zweitwerk ganz neue
Vertriebswege, die nicht nur für einen deutschen Künstler absolut
einzigartig sind: So erscheint mit „Ponygirl“ weltweit erstmals ein
Album als absolut kostenloser Longplayer - kein simpler Download in
minderer Klangqualität - sondern ein echtes Fulltimealbum in High
End-Produktion, das als Finished Product im Gratisversand an alle Fans
verschickt wird! Noch unabhängiger und direkter wäre ein Ding der
Unmöglichkeit. Künstlerische Freiheit über alles.
„You bloody cunt!“, „You dick!“, „You stupid
fucker!“ - nur ein paar ausgewählte Begrüßungsfloskeln aus dem
Sampling-Intro zu „Ponygirl“. Hart, aber herzlich. Ganz so, wie man es
schon gewohnt ist von Frontmann BIG BOY, Bassist A.K., Drummer Happy
und dem brandneu ins Line-Up integrierten schwedischen Gitarristen Thor
Lunde (Ex-The Spitts). Freundlich lächelnd, mit der Reitgerte in der
Hand. Dann geht’s auch schon los. Und wie. „Anfänglich ging es uns noch
darum, von den Leuten geliebt oder notfalls auch gehasst zu werden“,
sagt BIG BOY. „Heute wollen wir niemandem mehr auf Biegen und Brechen
gefallen. Wir tun, was wir tun.“ Ganz einfach. Ob es gefällt - nicht so
wichtig angesichts viel bedeutenderer Fragen im aufregenden BIG
BOY-Kosmos. Willkommen zum zweiten Akt.
„Ponygirl“: „Das Ponyplay ist das in der
BDSM-Szene wohl geläufigste Sinnbild für das Petplay und gehört auch
außerhalb der Szene zu den bekanntesten Spielarten. Hierbei nimmt der
Bottom die Rolle eines Pferdes oder eines Ponys ein. Unterschieden
werden hier gelegentlich Dressurponys, Reittiere und Arbeitspferde die
jeweils ihre Rolle entsprechende Aufgaben haben und von ihrem Besitzer
zur Erfüllung ihrer Aufgaben dressiert werden. Typischerweise gehören
hier Reitgerte, Peitsche und Bitgag zu den Sinnbildern für die
Unterwerfung des Ponys unter den Willen seines Besitzers (…)“ (Quelle:
Wikipedia.de)
„Ponygirl“ ist die bizarre Adult
Entertainment-Show, irgendwo zwischen Kinderzimmer und dem Zirkus der
Züchtigungen. Zwischen Unschuld und Verruchtheit - eine traditionell
gefährliche Liaison mit ungewissem Ausgang für alle Beteiligten. Für
BIG BOY ebenso wie für sein geliebtes Ponygirl. Und Weiterentwicklung
pur: Nach gemeinsamen Auftritten und Touren wie mit Tool auf dem
renommierten M`Era Luna Festival, Wednesday 13 oder Mindless Self
Indulgence haben BIG BOY ihr Band-Headquarter kurzerhand vom miefigen
München ins wilde Los Angeles verlegt, um große Songs zu komponieren.
Überlegter, ausgereifter, mit Blick für Details, Riff orientiert. Ein
Feuerwerk der zerstörten Harmonien. „Und auch abstrakter“, wie man
erklärt. „Ich denke, mit `Ponygirl` haben wir definitiv unseren Sound
gefunden.“
Der eigenwillige Sound und Soundtrack zu BIG
BOYs ganz persönlicher Reality Show im Hollywood-Land der unbegrenzten
Möglichkeiten: Auf Schritt und Tritt begleitet von einer
US-Fernsehproduktionsfirma hat man Songs wie „Terror Era, „My Own
Rules“ oder „Love Is Almost Perfect“ bereits einen ganzen Monat lang in
den angesagtesten Clubs des Strips wie dem Viper Room, dem Key Club
oder der Bar Sinister ausgiebigen Publikumstests unterzogen. Irgendwie
seltsam, exotisch, geschminkt. Kinky-deutsch und ein bisschen pervers
vielleicht. BIG BOY eben.
Liebt ihn, oder hasst ihn.