Rockmusik
war nicht erwünscht in den frühen 90ern in Mexiko. Es gab wenige Läden, die
Konzerte organisierten und die, die sich das trauten, riskierten meistens mehr
als einfach nur ein paar kaputte Bierflaschen. Gewalt war damals bei Konzerten an der Tagesordnung.
„Es
gab viele Auseinandersetzungen im Publikum und auf dem Weg zum Konzert wurden
Läden geplündert, Autos zerkratzt und Fenster eingeschmissen.“, erinnert sich
Dario Espinosa, der Mitte der 90er mit ein paar Freunden PANTEÓN ROCOCÓ
gründete. Es war nicht die erste Band, die in diesen Zeiten in Erscheinung trat
und mit großer Wahrscheinlichkeit würde auch diese nach der Namensfindung in
der Versenkung verschwinden. Aber dieses Mal schien es anders. Die Energie, die
sich freisetze, wenn die Freunde musizierten, kannten sie so nicht, sie schien
einzigartig.
Die
Gründung der Band erfolgte inmitten einer sozialen und politisch schwierigen
Zeit. Zu diesem Zeitpunkt führte
die Regierung in Chiapas Krieg gegen die EZLN (Ejército Zapatista de Liberación
Nacional), die für die Stärkung der Rechte der indigenen Bevölkerung eintrat
und sich dabei auch das Recht zusprach gewaltsam zu kämpfen. In Mexiko Stadt,
weit entfernt von den gewaltsamen
Auseinandersetzungen, wurden unter anderem von der Szenerie in der die
Bandmitglieder zu Hause waren Konzerte, Demonstrationen sowie Infoabende
organisiert und es wurde Geld gesammelt, um die Zapatisten zu unterstützen. Die
Ungerechtigkeiten, die die Mitglieder von PANTEÓN ROCOCÓ sahen, verarbeiteten
sie in ihren Songs und schafften somit eine wirksame Möglichkeit, um die
Probleme zu artikulieren und auf diese aufmerksam zu machen.
Schnell
begriffen sie, dass sie allerdings nur Auftritte bekommen würden, wenn sie ihr
schon damals stetig wachsendes Publikum gegen die Gewaltausschreitungen vor,
während und nach den Konzerten sensibilisieren könnten. „Aus dem Grund hat
Luis, unser Sänger, sich vor den Shows immer an das Publikum gewandt und die
„Ejército De Paz“ (Friedensarmee) ausgerufen. Eine Armee die anstatt zu
schießen, tanzt, springt, singt und friedlich ist.“, erzählt Dario. Die
Friedensarmee sollte so einen Gegenpol zu den Armeen, die töten, um
vermeintlich Frieden zu schaffen. Somit wurde aus einem Konzert gewaltloser
Protest gegen sinnlose Gewalt und ein friedlicher Weg die Energie auf die Probleme
zu fokussieren, die zuhauf in Mexiko zum Alltag gehören.
Die
Idee ging auf und schon früh war ein PANTEÓN ROCOCÓ Konzert eines der wenigen,
das komplett gewaltfrei verliefen. Die Friedensarmee begann zu wirken.
Fünf
Jahre später kam eine Einladung ins Haus, die für die auf neun Mitgliedern
herangewachsene Band einen Wendepunkt in der bis dahin positiv verlaufenden
Bandgeschichte darstellte. Der erste Auslandsaufenthalt stand ins Haus. Obwohl
es wegen der überschaubaren Distanzen auf der Hand lag ins benachbarte Ausland
zu fahren, um Konzerte zu spielen, kam die Einladung vom FUSION Festival. Diese
Reise im Jahre 2000 war nicht nur die erste ins Ausland, sondern auch die erste
richtige Tournee die die Band gespielt hat.
15
Jahre nach der Bandgründung und 10 Jahre nach ihrem ersten Deutschlandtrip sind
PANTEÓN ROCOCÓ eine Band, die sowohl in ihrem Heimatland als auch in Zentral-
und Südamerika, in den USA und in Europa intensiv tourt und jede Gelegenheit live
zu spielen, wahrnimmt.
Ihre
Reisen schärfen die Sichtweise auf die Problematiken Mexikos. Luis, der Sänger, sagt dazu: „Die
Realität unseres Landes ist in voller Härte durch unsere Konzertreisen zu
spüren. Wir können uns vor Ort mit den Leuten unterhalten und die erzählen uns
was gerade in Vera Cruz, Tijuana, Chiapas oder anderen Regionen abgeht. Eine traurige Realität, da in Mexiko
seit längerer Zeit ein sehr blutiger Krieg zwischen der Regierung und der
Drogenmafia stattfindet.“ Es ist ein
Krieg, in dem es viele unschuldige zivile Opfer gibt.
Diese
Realität wird von PANTEÓN ROCCÓ in Songs wie zB. DEMOCRACIA FECAL (Scheiß
Demokratie) verarbeitet. In dem sie den mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón
Hinojosa stark für seine Politik kritisieren.
Sie nennen es seine Interpretation von Demokratie, die Demokratie FECAL.
Dass
die Politiker keine gern gesehene Berufsgruppe in Mexiko sind, wird immer
wieder in den Songs von PANTEÓN ROCOCÓ verarbeitet. Ein Song namens CERDOZ
(Schweine) und aber auch ABAJO Y A LA IZQUIERDA (Unten und Links) spricht mehr Leuten aus der
Seele als einfach nur neun Musikern. „Die Songs handeln davon, dass du
enttäuscht bist, von den Leuten, die in Mexiko Politik machen. Dass man immer
wieder sehen muss, dass die Politiker sich untereinander in die Haare kriegen,
wegen Nichtigkeiten und Dummheit. Um gleichzeitig Wichtiges und Existenzielles
komplett außer Acht zu lassen. In Mexiko City gibt es unter den Jugendlichen,
den jungen Menschen so was wie eine gemeinsame Losung, dass alle ABAJO Y A LA
IZQUIERDA (Unten und Links) sind. Und so dem Politiker sagen, dass er sie mal
am Arsch lecken kann. Dass seine Politik falsch ist, dass wir einen echten
Wechsel benötigen, und dass sie seine Art zu regieren leid sind.“, fasst Leonel,
Gitarrist, die Stimmung und den Inhalt des Songs zusammen.
Aber
PANTEÓN ROCOCÓ haben, frei nach dem Motto „Es ist nicht meine Revolution, wenn
ich nicht dazu tanzen kann!“, schon immer auch Songs fernab von Politik
geschrieben. Ein Lied wie „ARREGLA ME EL ALMA“ (Reparier mir die Seele) besingt
die Sehnsucht nach Liebe mit einer Leidenschaft, dass man das Leid förmlich
spüren kann.
Und
wenn bei SI YA LO SE der großen Party und dem Besäufnis gehuldigt wird, sind
auch diese Worte mit einer unverkennbaren Authentizität behaftet.
Ihr
unermüdliches Touren und die Glaubwürdigkeit ihrer Musik machen sie nicht nur
in Mexiko und Lateinamerika zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Auch in den
USA und Europa gehören sie zur musikalischen Linken, denn ihre Botschaft ist global
zu verstehen.
In diesem
Jahr feiern Panteón Rococó „15 años ejército de paz“! Den Startschuss dazu
gaben sie in Mexiko City wo sie gemeinsam mit 11.000 Fans darauf anstießen.
Weiter ging es nach Europa, 20 Konzerte in 20 Tagen standen auf der Agenda, um
mit den hiesigen Fans und Freunden zu feiern. Gekrönt wurde die Jubiläumstour
mit einer Einladung zu einem Konzert anlässlich des 100. Geburtstages des FC
ST. PAULI im Hamburger Millerntorstadion! Was einem Ritterschlag für die Band
gleich kam, sind sie doch schon seit Jahren bekennende Fans des Vereins!
Mit
ihrem nun 5. Album „Ejército De Paz“ runden sie das Jubiläumsjahr ab und fassen
zusammen, was in 15 Jahren Bandgeschichte nach wie vor bewegt. Ungerechtigkeit
und Gewalt beherrschen nach wie vor die Politik und den Alltag in Mexiko als
auch weltweit und somit sollen diese 15 Jahre erst der Anfang sein. Die
Ejército De Paz, die Friedensarmee wächst weiter und tanzt, hüpft, singt für
den friedlichen Protest!