Erfolg - was ist das? Einen Majordeal zu bekommen? Wenn die Eltern dir plötzlich auf die Schultern klopfen, weil ja nun doch irgendwas aus dir geworden ist? Oder vielmehr, einen geraden Rücken zu behalten, weil du bei all dem du selbst geblieben bist? Nachdem TURBOSTAAT mit ihrem dritten Album Vormann Leiss bei Same Same But Different/Warner Music gelandet waren, blieben die Wasser erstaunlich ruhig. Das übliche „Ausverkauf“-Geschrei hielt sich in Grenzen, die Leute „draußen“ merkten schnell, dass sich eigentlich nichts verändert hatte. Die Clubs waren besser gefüllt, plötzlich standen Festivals auf dem Plan, und die Musik hatte nichts von ihrem Biss verloren. Die Tourpläne liegen immer noch in der Hand von TURBOSTAAT, ebenso die Produktionder Vinyl-Editionen und alles, was die Band selbst angeht. Erfolg heißt auch, dass man es schafft, nach wie vor vollkommen freie Hand zu haben. Ein Grund mehr für TURBOSTAAT, sich im Deal mit SSBD/Warner wohl und gut aufgehoben zu fühlen. Wenn sich beim Island Manøver also etwas verändert hat, dann das, was Jan, Marten, Tobert, Peter und Rotze mit sich selbst abmachen.
„Denn alles was hier ist, ist nur Strandgut oder Rest. Nimm es mit, schmeiß es weg, damit hier nichts übrig bleibt“ (Strandgut)
Und doch ist was passiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben TURBOSTAAT ein Album aufgenommen. „Wir haben sonst immer mal ein paar Lieder geschrieben und sie aufgenommen, wenn wir genug zusammen hatten. Diesmal haben wir uns planmäßig hingesetzt und sind das ganze Album bewusst angegangen“, erklärt Tobert. Seit Vormann Leiss waren TURBOSTAAT quasi dauerunterwegs, von Tour zu Tour, von Bühne zu Bühne. Anfang 2009 rauften sie sich zusammen, „ohne Song und ohne Idee“, und baldowerten die Richtung für Das Island Manøver aus - merke: bei TURBOSTAAT wird viel und alles diskutiert. Nach zwei Monaten war man dann
soweit, probte, diskutierte wieder und zog sich schließlich zweimal in ein Haus auf dem nordfriesischen Flachland zurück: Tabula rasa, reiner Tisch. Ein paar Wochen später kamen sie mit 12 Liedern an die Oberfläche zurück, die so TURBOSTAAT sind wie nur sonstwas und doch den einen oder anderen Haken haben, der zunächst aus dem Rahmen zu fallen scheint.
„Erst einmal scheiß auf den Sinn, ich gehe jetzt erstmal los, dann weiß ich wo ich bin.“ (Oz Antep)
Auflösung, abhauen, Flucht, das Ich zermalmt vom Außen. Die Themen auf Das Island Manøver führen alle in die gleiche Richtung: „Aufgelöst in der ganzen Welt und Angst vor allem Fremden, wie soll denn sowas gehen?“ Die Charaktere in den Texten TURBOSTAATs finden mal einen Ausweg, mal auch nicht. Aber immer stehen sie zwischen den Fronten und meistens sich selbst im Weg. Das sind kraftvolle und eindrucksvolle Bilder, die unter die Haut gehen und ihre Fäden in tausend Richtungen spinnen. Da ist der letzte Henker von Prag, der seine eigene Frau köpfen muss, da ist die außerehelich geschwängerte Tochter, die nach altem friesischen Brauch mit ihrem Vater ins Watt geschickt wird und nie zurückkehrt. Und da ist die einsame alte Dame, die so gern im Maisfeld erwürgt werden möchte und in Wirklichkeit eine reiche Kaffee-Erbin ist. Ein Döner-Imbiss wird zum Namen eines Größenwahnsinnigen, der losgeht, um das Glück zu suchen, und Tucholsky sitzt währenddessen in Schweden und zerbricht auf seinem luxuriösen Schloss am Exil.
„Leo, Leo, Leo, jetzt denk doch nicht nach, ist nur Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab“ (Täufers Modell)
Ist das noch Erlebtes, schon Ausgedachtes oder gar Literatur? Es ist der Mensch im Allgemeinen, der irgendwie versuchen muss, sich und die Welt miteinander zu koordinieren und einen individuellen Weg durch das Gestrüpp der Machtverhältnisse zu finden. „Also, da wo ich herkomme, trennt man nicht zwischen persönlich und politisch“, so Marten, der bis auf einen, den er mit Tobert zusammen schrieb, alle Texte mit ihren vielen kleinen Verästelungen verfasste. „Die Frage ist doch: Wie schaffe ich es, meine Ansprüche, meine Erfahrungen, die Welt und mich selber unter einen Hut zu kriegen?“ Und so freuen sich die Touristen im Island Manøver an dem schönen, alten Bauwerk, das auf dem Blut der Erniedrigten gebaut wurde.
„Er wäre lieber zu Tisch als zuhause, oder einfach im Urlaub, auch wenn es da pisst“.
(Pennen bei Gluffke)
Seit 1999 spielen TURBOSTAAT unverändert in derselben Besetzung. Mit einer Brücke vom USHardcore zur deutschen Punktradition bringen sie ihr erstes Album Flamingo (2001) und den Zweitling Schwan (2003) beim renommierten Hamburger Underground-Punklabel „Schiffen“ (in Kooperation mit „Rookie Records“) heraus und arbeiten sich durch den gesamten Parcours alternativer Jugendzentren, besetzter Häuser und kleiner Clubs zwischen Österreich und Helsinki. Eines dieser Konzerte besucht Beatsteaks-Schlagzeuger Thomas Götz und ist hingerissen. TURBOSTAAT werden auf die Beatsteaks-Tour eingeladen, schließen zwangsläufig Kontakt zu Same Same But Different, die klugerweise und begeistert zugreifen und im Verbund mit Warner den Vormann Leiss zum Leben erwecken. Jetzt also das zweite „Major“-Album Das Island Manøver, und es fühlt sich an, als wäre es ein erster Test, was im Kontext „deutscher Punkrock“ so möglich ist. Aber das ist schon wieder ein Irrweg, einen solchen Kontext zu konstruieren. Es ist und bleibt: TURBOSTAAT.