Es ist kein Wunder, dass etliche Major
Companys die Independent-Szene immer noch umschwirren wie Fliegen ein
saftiges Stück Kuchen. Hier findet man noch Ideen, hier gibt es ein
Potenzial, das man andernorts oftmals vergebens sucht. Und dass sich
Kajal geschminkte Augen gut verkaufen lassen, zeigen die Charts
deutlich. Auch Zeraphine sahen sich mit verlockenden Angeboten der
Industrieriesen konfrontiert. Der Plattenvertrag der Berliner Band war
nach der Veröffentlichung ihres letzten und überaus erfolgreichen
Albums
Blind Camera ausgelaufen. Nun galt es zu entscheiden,
welcher Weg für die Zukunft eingeschlagen werden soll. Ein Vertrag mit
einem neuen Label? Major oder Independent? Weder noch! Das Quintett
schlug einen anderen, einen viel konsequenteren und eigentlich auch
äußerst charakteristischen Weg ein: Es gründete zusammen mit ihrem
Produzenten Thommy Hein die Plattenfirma Phonyx. Nur so konnte
gewährleistet werden, dass sich alle Ideen zu einhundert Prozent
verwirklichen lassen. Und nur so konnte das neue Album
Still ungestört die Qualität erlangen, die es letztendlich auszeichnet.
– gesungene Emotionen
„Verlass' dich nicht auf tausend leere Worte“, heißt es in Niemand Kann Es Sehen .
Natürlich steht dieser Satz dort in einem ganz bestimmten Kontext.
Trotzdem hat er eine universelle Aussage. Sänger Sven Friedrich gehört
zu den Menschen, die ein Album gerne durch intensives Hören vollständig
erschließen. Das beinhaltet auch und vor allem die lyrische Ebene.
Selbstverständlich gibt es Musik, die ohne Worte auskommt. Sobald
jedoch gesungen wird, sollte die Stimme nicht nur ein Instrument,
sondern auch ein Vehikel für Inhalte sein. Texte sind nicht nur
Worthülsen oder verbale Platzpatronen – das wird heutzutage viel zu oft
vergessen. Wie wichtig das zuerst geschriebene und schließlich
gesungene Wort sein kann, beweisen Zeraphine. Die Formation gehört zum
erlesenen Kreis der Musiker, die eben nicht nur wegen der Komposition,
sondern gerade auf Grund der Inhalte geschätzt wird. Still
ist, wie die drei Vorgänger auch, kein Konzeptalbum im klassischen
Sinne. Es sind erneut sehr persönliche Beobachtungen Friedrichs, die
das Wesen der Lyrics ausmachen. Seine Gedanken, seine Gefühle werden
die Fans abermals hineinreißen in eine Welt voller Denkanstöße. Der
Texter bewegt sich sicher und elegant über das verbale Parkett
– unabhängig von der Mundart. Es wird dem aufmerksamen Beobachter nicht
entgehen, dass dieses vierte Zeraphine-Album einen Titel trägt, der
sowohl englisch als auch deutsch interpretiert werden kann, in beiden
Sprachen jedoch dieselbe Bedeutung hat. Was zählt, sind die Emotionen,
die transportiert werden. Und Gefühle sind und bleiben nun einmal
international.
– instrumentale Gespräche
Es
gibt eine Passage auf diesem Album, die geradezu exemplarisch für ein
neues, ein viel intensiveres Zusammenspiel bei Zeraphine ist: Nach ca.
zweieinhalb Minuten fließt Gib Mir Dein Gift in ein
instrumentales Intermezzo der schönsten Art. Hier scheinen die beiden
Gitarren, der Bass und das Schlagzeug miteinander zu sprechen. Es
werden Fragen gestellt und Antworten gegeben – nonverbal. Und erst,
nachdem der Austausch beendet ist, die instrumentale Konversation zu
ihrem Ziel geführt hat, „darf“ Sven Friedrich seine Stimme erheben und
ins Geschehen eingreifen. Dieses ausgeprägte und nachdrückliche
Zusammenspiel aller beteiligten Instrumente ist das Markenzeichen von Still . Ganze 14 Tage haben die fünf Musiker in den Berliner Studios von Thommy Hein gejammt. Still ist keines dieser Alben, bei denen am Computer einzelne und separat eingespielte Spuren zu Liedern zusammengefügt wurden. Still
entstand unter echten Live-Bedingungen. Das hört man nicht nur, man
fühlt es regelrecht. Diese Platte hätte nur noch in einer Garage und
nicht in den Räumen des Stammproduzenten aufgenommen werden müssen, um
alle Klischees eines „echten“ Rock-Albums zu erfüllen. Still
ist organisch. Die fünf Berliner standen sich gegenüber, konnten sich
in die Augen sehen und aufeinander reagieren, als die 12 Tracks dieser
CD aufgenommen wurden. Es hat sich mehr als ausgezahlt, dass die Band
darauf verzichtete, sich – wie sonst üblich – auf einen Bauernhof im
Spreewald zurückzuziehen, um dort hauptsächlich theoretisch am neuen
Material zu arbeiten. Hier wurde ein neuer Weg eingeschlagen, dessen
Ziel in einem rau produzierten, kantigen und authentischen Werk lag.
– überzeugende Gipfel
Zeraphine
bewegen sich auch im Sommer 2006 zwischen ihren Wurzeln, die im
Gothic-Rock liegen, und modernen Alternative-Sounds. Die Single mit den
Songs Still und Inside Your Arms als
Doppel-A-Seite zeigt, dass sich die Formation in den Clubs zwischen den
ganz großen Namen des Genres behaupten kann. Statt seelenlos zu
expandieren, hat sich diese Band auf sich selbst und die eigenen
Stärken konzentriert. Zeraphine befinden sich am vorläufigen Gipfel
ihrer Entwicklung. Das Songwriting, die Texte, der Gesang, die
Produktion – alles trifft genau den Kern dessen, was diese Gruppe
ausmacht. Still ist nicht nur das beste Zeraphine-Album
bisher, es ist auch eine der schönsten und überzeugendsten Platten, die
man im Jahr 2006 zu hören bekommen wird – von hier bis zum Rand der
Welt!
Berlin, Frühjahr 2006
Stefan Brunner
Line-Up
Sven Friedrich (Gesang)
Norman Selbig (Gitarre)
Manuel Senger (Gitarre)
Michael Nepp (Bass)
Marcellus Puhlemann (Schlagzeug)
Discographie (Alben)
Kalte Sonne (2002)
Traumaworld (2003)
Blind Camera (2005)
Still (2006)